»In Städten mit Häfen haben die Menschen noch Hoffnung«

»In Städten mit Häfen haben die Menschen noch Hoffnung«
Die Logistik des Kapitals lahmlegen

Wenn Anfang Juli 2017 die Vertreter*innen der 19 größten Industrienationen und der Europäischen Union in Hamburg zu Gast sind, werden sie von einer Vielzahl von Protestaktionen und zehntausenden Demonstrant*innen empfangen. Das finden wir gut und richtig. Es ist nichts verkehrt daran, brutale Schweine wie Erdogan, Trump oder Putin auch als solche zu bezeichnen und unsere klare Gegnerschaft zu ihren jeweiligen politischen Projekten und Weltordnungsambitionen deutlich zu machen. Gerade in einer Zeit, in der es nur noch die Wahl zwischen autoritärem Nationalismus und neoliberaler Technokratie zu geben scheint, muss jede sich bietende Situation genutzt werden, um auf unsere grundsätzlich abweichenden Vorstellungen von gesellschaftlicher und ökonomischer Organisation hinzuweisen.

Doch mit dem Fokus auf die besonders Reaktionären geht auch die Gefahr einher, dass unsere Kritik als bloßes Rumgemäkel am Handeln einzelner Staatslenker*innen erscheint. Im schlimmsten Fall kann die Bundesregierung die massive Kritik am genannten Trio des Grauens – Erdogan, Trump, Putin – dafür nutzen, sich selber in Hamburg als humane, weltoffene und vernünftige Variante kapitalistischer Herrschaft darzustellen. Kurzum: Wir haben wenig Lust, unsere mit 95 % der Deutschen geteilte Ablehnung Donald Trumps Anfang Juli auf der Straße zu inszenieren. Wir möchten keine andere Regierung der Welt einfordern – sondern die Aufmerksamkeit, die an diesen Tagen auf Hamburg liegen wird, für etwas nutzen, das eine Alternative zum üblichen Gipfel-Geplänkel darstellt. Wir wollen uns weder an den Verwalter*innen der herrschenden Ordnung abarbeiten, noch uns in den Resten der globalisierungskritischen Bewegung verlieren, die ihre besten Tage längst hinter sich hat. Unser Alternativvorschlag lautet: Gehen wir da hin, wo es weh tut! Auf zum Hamburger Hafen!

Warum ausgerechnet der Hafen?

Am Beispiel des Hamburger Hafens zeigt sich exemplarisch, was derzeit genau im Argen liegt: Er ist das Symbol einer Stadt, die sich gerne mit Weltoffenheit schmückt und gleichzeitig Vorreiterin bei Abschiebungen nach Afghanistan ist. Migrant*innen kommen über den Hafen ins Land, der gleichzeitig Ausbeutungsstätte von zahlreichen Arbeiter*innen ohne Papiere oder Arbeitserlaubnis ist.
Vom Hamburger Hafen aus werden Luxusgüter aus sogenannten »Billiglohnländern« importiert und deutsche Waffen zu autoritären Regimen exportiert. Der Hafen ist die Schnittstelle von Atomtransporten und Schauplatz von Schwerindustrie und Elbvertiefung. Letzteres kollidiert nicht nur mit dem ökologischen Gleichgewicht, sondern auch massiv mit den Bedürfnissen der Anwohner*innen vor Ort. Ebenso steht der Hafen symbolisch für eine Entwicklung, die Menschen durch Automatisierung und Digitalisierung zunehmend überflüssig macht – der Interessengegensatz von Kapital und Lohnabhängigen zeigt sich hier in zugespitzter Form. Die Klassenkämpfe, die dort regelmäßig stattfinden, treten immer wieder in Protesten der Hafenarbeiter*innen gegen Privatisierungen und prekäre Beschäftigungsverhältnisse nach außen.

Dabei ist der Hamburger Hafen mehr als eine materielle Infrastruktur. Er selbst ist Ausdruck eines sozialen Verhältnisses. Wenn die verschiedenen Akteur*innen dort nicht ihre Aufgaben erledigen, kann er seiner Aufgabe insgesamt nicht mehr gerecht werden.

Darüber hinaus ist der Hamburger Hafen eines der wichtigsten Zentren für den Warenumschlag in Deutschland. Wenn der Hafen still steht, steht der Wirtschaftsstandort Hamburg still. Es müssten schon eine Menge Schaufensterscheiben zerdeppert und jede einzelne Mülltonne in Hamburg angezündet werden, um einen Druck aufzubauen, der sich bereits mit der einstündigen Blockade einer Zufahrtsstraße erzielen ließe.
Wenn wir den Kapitalismus, den wir hassen und dem wir gleichzeitig oft ohnmächtig ausgeliefert sind, angreifen wollen, dann ergibt es Sinn, sich an den logistischen Schlüsselpunkten dieses Systems zu orientieren.

Die Logistik des Kapitals lahmlegen…

Logistik befasst sich mit der Planung, Steuerung und der Optimierung von Güter-, Informations- und Personenströmen. Sie gehört seit jeher zum Kapitalismus und gewinnt seit den späten 1950ern immer größere Bedeutung. Erst durch die Logistik wird die örtliche Zergliederung der Produktionsstätten entsprechend Lohnstückkosten, Verfügbarkeit von Rohstoffen oder spezialisierten Industrien ermöglicht. Auch werden komplette Warenlager auf die Straße oder wahlweise das Meer verlagert: Die moderne Fabrik ist entgrenzt und überall.
Grundlegende Voraussetzung für diese Entwicklung ist der technische Fortschritt mit kapitalistischem Zweck, der durch die Fähigkeit zur Verarbeitung großer Informationsströme eine besonders flexible und bedarfsentsprechende Verteilung der Produktionskomponenten ermöglicht. Oder – am Beispiel des Computer Terminals Altenwerder im Hamburger Hafen – Wertschöpfungsketten fast gänzlich ohne menschliche Arbeit organisieren kann.

So trägt Logistik auch zum Zerfall der Arbeiter*innenmacht bei: Kapitalakkumulation ist durch Logistik flexibler geworden – die Arbeiter*innen sind es jedoch nicht. Gerade der hochtechnisierte Kapitalismus bedarf immer weniger menschlicher Arbeitskraft und schafft immer größere Mengen an »nicht Verwertbaren«, die der bloßen Elendsverwaltung der im Abbau begriffenen Sozialstaaten überlassen bleiben. So eignet sich die hypermoderne Infrastruktur des Hamburger Hafens auch als Symbol für die immer grausamere kapitalistische Verwertung im Rahmen der Globalisierung.

Die hochgradig optimierten und extrem zeitsensiblen logistischen Knotenpunkte sind aber auch eine Schwachstelle im Produktions- und Distributionsprozess. Diese eröffnet eine mögliche Handlungsperspektive für eine radikale Linke: Auch mit Wenigen können diese Prozesse empfindlich gestört werden. Das greift zwar nicht die Vereinzelung auf, aber kann ein Versuch sein, Handlungsmöglichkeiten innerhalb der gegebenen politischen Situation aufzuzeigen.

Dennoch bleibt die Aktion – so ehrlich müssen wir sein – ebenso symbolisch wie der Sturm auf die Rote Zone. Weder haben wir Anfang Juli, noch in den Monaten danach, die Handlungsmacht eine echte Bedrohung für die kapitalistische Verwertung im Hafen zu werden oder eine wirkliche politische Alternative auf die Tagesordnung zu setzen. Eine solche Handlungsmacht werden wir aber – ganz unabhängig vom gewählten Symbol – auch nicht über Gipfelproteste erreichen. Dazu bedarf es eines unermüdlichen, kontinuierlichen und gemeinsamen Kampfes in Schulen, Stadtteilen, Universitäten und auf der Arbeit, den wir vor und nach dem Gipfel – mal mehr und mal weniger erfolgreich – geführt haben und führen werden. Massenhafte symbolische Gipfelaktionen stehen aber nicht im Widerspruch zu dieser Arbeit, sondern können sie ergänzen und verstärken.
Die Aktion im Hafen ist unser Angebot für die Gipfelproteste, das über eine verkürzte Kritik an den Elendsverwalter*innen hinaus geht und sich um die Weiterentwicklung eines zeitgemäßen Antikapitalismus bemüht.

…und das Tor zur Welt stürmen!

Im besten Fall schaffen wir es Anfang Juli mit all den verschiedenen Aktionen im Rahmen des Hamburg City Strike unserer kollektiven Ablehnung der herrschenden Ordnung, unserer Wut und Verzweiflung über das kapitalistische Elend, aber auch unserem Begehren nach einer solidarischen, bedürfnisorientierten Gesellschaft kraftvoll Ausdruck zu verleihen. Daher mobilisieren wir gemeinsam mit dem kommunistischen Bündnis …ums Ganze! und der europaweiten Vernetzung Beyond Europe am 07.07.17, dem Aktionsfreitag in den Hamburger Hafen.
Während sich Hamburg als modernes, nachhaltiges Tor zur Welt inszeniert und gleichzeitig Obdachlose aus der Innenstadt vertreibt, Refugees abschiebt, eine Hafencity bauen lässt und die Elbe vertieft werden wir am Hafen als Symbol der Stadt Hamburg unsere klare Ablehnung des allgemeinen kapitalistischen Normalvollzuges demonstrieren.

Wir möchten alle einladen, sich dieser Aktion anzuschließen oder eigene zu starten. Lasst uns diesen Tag für den Versuch nutzen, gemeinsam den reibungslosen Ablauf des Kapitalismus zu stören und auf das ganz Andere hinzuweisen: Eine Gesellschaft der Solidarität, in der alle haben, was sie brauchen. Eine Gesellschaft, in der alle so leben können, wie sie wollen, ohne Angst haben zu müssen – und nicht nur das zählt, was Profit bringt.

Schließt euch mit Freund*innen zusammen, beteiligt euch mit eigenen Ideen am Hamburg City Strike und überzeugt andere: auf der Arbeit, in der Uni, im Stadtteil. Die solidarische Gesellschaft jenseits der organisierten Traurigkeit des Kapitalismus könnt ihr nicht bei der Bundestagswahl ankreuzen und nicht bei Facebook liken – wir können sie nur gemeinsam erkämpfen!

Gruppe für den organisierten Widerspruch, Juni 2017

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